Synergetik

Synergetik ist die Wissenschaft vom Zusammenwirken vieler Elemente in komplexen, dynamischen Systemen, die sich selbst organisieren. Sie untersucht, wie durch Wechselwirkungen neue Strukturen, Muster oder Ordnungen entstehen – ein Prozess, der als Selbstorganisation bezeichnet wird. Der Begriff wird vor allem in der Physik, Biologie, Chemie, Sozialwissenschaft und Systemtheorie verwendet. Bekannt ist auch die sogenannte Synergetik-Therapie; sie zählt jedoch zur Alternativmedizin und ist wissenschaftlich nicht mit der Synergetik als interdisziplinärer Systemwissenschaft gleichzusetzen.

Die Synergetik ist die interdisziplinäre Wissenschaft und Lehre vom Zusammenwirken verschiedener Elemente in komplexen, dynamischen Systemen
Grundprinzipien
  • Selbstorganisation: Sie erforscht, wie in Systemen (wie Molekülen, Zellen, Lasern oder sozialen Gruppen) ohne äußere steuernde Hand spontan neue Strukturen und Ordnungsmuster entstehen. 
  • Ursprung: Entwickelt wurde der Begriff in den späten 1960er- und 1970er-Jahren von dem Physiker Hermann Haken, ausgehend von der Physik der Nichtgleichgewichtssysteme (z. B. dem Verhalten von Atomen im Laser). 
  • Mathematische Basis: Die Synergetik liefert eine universelle, mathematisch formalisierte Beschreibung dafür, wie bestimmte übergeordnete Kräfte (sogenannte Ordnungsrahmen) das Verhalten der Einzelteile eines Systems beeinflussen und koordinieren. 
Anwendungsbereiche
  • Natur- und Sozialwissenschaften: Erklärung von Musterbildung in Physik, Chemie, Biologie, Soziologie und Wirtschaft (z. B. Marktdynamiken).
  • Psychologie und Psychotherapie: Untersuchung von Denkprozessen, Gehirnfunktionen und Heilungsverläufen als sich selbst organisierende dynamische Systeme (z. B. durch Forscher wie Jürgen Kriz oder Günter Schiepek). 
  • Hinweis zur Abgrenzung: Die umstrittene, alternativmedizinische Synergetik-Therapie beruft sich zwar auf diese Lehre, ist jedoch wissenschaftlich nicht anerkannt und rechtlich reglementiert.

Synergetik als Ordner der Psychologie und Belebung der Psychotherapie

Die Synergetik ist die interdisziplinäre Wissenschaft der Selbstorganisation. Hermann Haken hat die Synergetik entwickelt. Zu seinem 90sten Geburtstag legen Jürgen Kriz, Wolfgang Tschacher und 21 weitere Wissenschaftler in einer Festschrift die jeweils eigene Forschungsarbeit in der Synergetik dar. Haken, selbst Naturwissenschaftler, hat u.a. führende Psychologen inspiriert.

Günter Schiepek notiert: „Für die Psychologie bedeutet ein synergetisches Paradigma nicht nur, für unterschiedliche Problemstellungen einen gemeinsamen begrifflichen und methodologischen Ansatz zur Verfügung zu haben, sondern auch alte kontroverse Positionen überbrücken zu können. Eine dieser Kontroversen ist die zwischen nomothetischer (nach allgemeinen Gesetzmäßigkeiten und Prinzipien suchender) und idiographischer (den Einzelfall fokussierender) Forschung; eine andere die zwischen quantitativer und qualitativer Forschung; eine dritte die zwischen biologisch und psycho-sozial orientierter Psychologie.

Wenn Theorien zur psychischen Funktionsweise des Menschen nichtlineare, dynamische Prozesse in den Mittelpunkt stellen, dann müssen sie auch die Komplexität, Chaotizität und Individualität von Prozessen erfassen. Speziell in der Psychotherapie erleben damit Klientenzentrierung und Einzelfallforschung mit Verfahren des Therapiemonitorings eine Belebung. Musterbildung kann in persönlichen und kommunikativen Sinnbezügen erfasst werden und damit unter Nutzung von Textdaten (Transkripte von gesprochener Sprache, Tagebücher), oder mit quantitativen Zeitreihen aus Selbsteinschätzungen, Verhaltensbeobachtung, physiologischen Messungen, EEG und anderen Datenquellen, im Idealfall in Kombination aus beidem …“

Auch Jürgen Kriz fokussiert die Relevanz der Synergetik für die Psychotherapie: „Ordnungen, deren Bildung und Veränderung im Bereich des Psychischen und des Sozialen liegen, lassen sich mit Hilfe des synergetischen Grundmodells so fassen, dass dies für die Erfahrungen der Praktiker anschlussfähig ist.“
Kriz, Jürgen; Tschacher, Wolfgang (Hrsg.) Synergetik als Ordner

Die strukturierende Wirkung der interdisziplinären Ideen Hermann Hakens