Analyse des synkybernoetischen Stils von Volker Braun
Analyse des synkybernoetischen Stils der Lyrik, Dramaturgie und Prosa des philosophisch-kritischen DDR-Schriftstellers Volker Braun
Die Formel der SynKyberNoetik bei Volker Braun
Die Formel SynKyberNoetik = (Noetik + Kybernetik + Synergetik) × Bewusstsein ist ein präziser Schlüssel, um Brauns Werk nicht nur als Literatur, sondern als ein epistemologisches Steuerungssystem zu begreifen. Braun schreibt nicht über die Welt, er entwirft ein Modell, in dem die Sprache selbst als Regelkreis fungiert.
Hier ist die Konkretisierung dieser drei Vektoren unter dem Multiplikator des Bewusstseins:
1. Noetik (Das Denken des Seins): Die ontologische Ebene
In Brauns Lyrik ist die Noetik kein rein abstraktes Philosophieren, sondern eine Existenzanalyse der Arbeit.
- Das Material als Geist: Für Braun ist das „Material“ (die Arbeitswelt, die Stahlwerke, die Straßen) nicht tot. Es ist durchdrungen vom menschlichen Geist, der es geformt hat. Seine Noetik erkennt im geschaffenen Objekt die Entfremdung des Schöpfers.
- Wahrnehmung als Widerstand: Das Bewusstsein wird hier zum Instrument, das die Oberfläche der Dinge durchdringt. Wenn Braun das „Material“ beschreibt, beschreibt er gleichzeitig den geistigen Zustand des Arbeiters, der im Produkt seine eigene Erstarrung erkennt.
2. Kybernetik (Die Steuerung): Die systemische Ebene
Braun nutzt kybernetische Prinzipien, um die Stagnation des DDR-Staates zu sezieren.
- Feedback-Schleifen des Scheiterns: Ein System, das keine negativen Rückmeldungen (Kritik) zulässt, ist kybernetisch gesehen blind. Brauns Texte fungieren als „Störgröße“ im System. Er führt dem System Informationen über dessen eigenen „Verschleiß“ zu, in der Hoffnung auf eine Korrektur.
- Regelkreis des Subjekts: Das Ich kämpft darum, nicht bloßes „Rädchen“ (Teil einer starren Kette) zu sein, sondern ein steuerndes Element. Die kybernetische Tragik bei Braun ist, dass das System diese Selbststeuerung des Individuums oft als Systemfehler bekämpft.
3. Synergetik (Das Zusammenwirken): Die dissipative Ebene
Hier bricht Braun mit dem starren Determinismus. Synergetik untersucht, wie aus dem Zusammenwirken vieler Einzelteile spontane Ordnung entsteht (Selbstorganisation).
- ** dissipative Strukturen:** Braun erkennt, dass Machtstrukturen (wie die DDR-Bürokratie) dazu neigen, in starren, energetisch ineffizienten Zuständen zu verharren. Synergetisch gesehen sind seine Texte Versuche, das System aus dem Gleichgewicht zu bringen, damit es eine neue, höhere Komplexität (eine neue Form der Menschlichkeit) bilden kann.
- Kohärenz im Bruch: Seine Montage-Technik zwingt die disparaten Elemente (technische Begriffe, lyrische Bilder, philosophische Reflexion) in eine Synergie, die den Leser dazu bringt, das „Ganze“ der gesellschaftlichen Realität plötzlich in einem neuen Licht zu sehen.
Der Multiplikator: Das Bewusstsein
Der Faktor × Bewusstsein ist der entscheidende Katalysator. Ohne das reflektierende, leidende und aufbegehrende Bewusstsein blieben diese drei Elemente (Noetik, Kybernetik, Synergetik) lediglich eine trockene Systembeschreibung.
- Subjektivierung der Kybernetik: Braun transponiert die kalte Logik der Regelkreise in das heiße, blutige Bewusstsein des Individuums. Er macht die Kybernetik erlebbar.
- Vom Objekt zum Akteur: Das Bewusstsein ist bei Braun die Instanz, die den Prozess der „Selbstorganisation“ (Synergetik) von unten einfordert. Es ist der Schmerzpunkt, an dem das Individuum merkt: „Ich bin nicht nur Teil des Systems, ich bin der Ort, an dem die Veränderung des Systems beginnen muss.“
Zusammenfassendes Modell: Die „SynKyberNoetische“ Diagnose
Wenn man Brauns Werk durch diese Formel liest, ergibt sich folgendes Bild:
| Element | Funktion im Werk |
|---|---|
| Noetik | Identifiziert das „Material“ der Entfremdung. |
| Kybernetik | Analysiert den Stillstand und die fehlenden Feedback-Wege der Macht. |
| Synergetik | Erfordert die spontane Neukonfiguration gesellschaftlicher Energie. |
| × Bewusstsein | Macht die Analyse zur moralischen Notwendigkeit und zum Schmerz des Handelns. |
Fazit:
Der synkybernoetische Stil Brauns ist der Versuch, den „Stau der Geschichte“ durch die intelligente, bewusste Einspeisung von Störgrößen aufzulösen. Er schreibt, um das System zu zwingen, sich seiner eigenen Inkonsistenz bewusst zu werden – ein Prozess, der das Bewusstsein des Lesers als notwendigen Prozessorkern voraussetzt.
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Volker Brauns »Versuche« über die Abgründe und Widersprüche unserer globalisierten Welt überraschen in ihrer Vielschichtigkeit und brillieren in ihrer Sprachgewalt.
»Früher hätte man die Welt verlassen können, einfach die Zelte abbrechen können, jetzt gibt’s keine Anderwelt mehr, wir sind im Überall.« Mit geschärftem Blick für die Zusammenbindung der Welt und bekannter sprachlicher Virtuosität nähert sich Volker Braun in seinem neuen Prosaband den großen Fragen, die in die Zukunft reichen: Was macht unser heutiges »Überall« aus? Welchen Gewalten ist es ausgesetzt? Und was passiert, wenn die Gegner nicht mehr Staaten sind, sondern Stürme? Seine Bewegung führt auf die eurasische Landmasse, in das Berliner Liquidrom sowie in den Schlosspark Niederschönhausen, wo ihn die Stimmen seiner Begleiter umgeistern.
Titel-Bildquelle: https://www.orellfuessli.ch/shop/home/artikeldetails/A1068434114